Zwanzig Jahre später: Roland Englbrechts Rückkehr nach Aachen

2006 ritt Roland Englbrecht selbst bei den Weltreiterspielen in Aachen ein. Zwei Jahrzehnte später kehrt der Oberösterreicher als Trainer zurück. An seiner Seite: Felix Koller, dem er das Reiten beibrachte und bis heute väterlicher Freund und engster Vertrauter ist. Eine Geschichte über prägende Beziehungen, lange Wege und einen Kreis, der sich auf der größten Bühne des Pferdesports schließt.


Wenn Roland Englbrecht an Aachen denkt, erinnert er sich zuerst an dieses Knistern. An die Anspannung vor seinem ersten Championat. An Monate, in denen sich alles einem einzigen Ziel unterordnete. Und an eine Arena, deren Wirkung sich mit keinem gewöhnlichen Turnier vergleichen ließ.

„Man hat schon tausend Turniere und unzählige Parcours bestritten. Aber was einen dort erwartet, kann man sich vorher nicht vorstellen“, sagt Englbrecht.„Ich habe damals Monate nur auf dieses eine Ereignis hingearbeitet. Was auf dem Weg dorthin passiert ist, war beinahe zweitrangig. Entscheidend war, an diesem Wochenende alles zu hundert Prozent abrufen zu können.“

2006 gehörte der Oberösterreicher gemeinsam mit Stefan Eder, Jürgen Krackow und Gerfried Puck zum österreichischen WM-Team. Englbrecht belegte mit dem Team Platz 14, verpasste das Einzelfinale knapp, doch Platzierungen und Fehlerpunkte sind nicht das Erste, worüber er heute spricht. Geblieben sind die Bilder, die Atmosphäre und der außergewöhnliche Zusammenhalt.

„Wir waren drei Reiter, die zum ersten Mal bei einem Championat angetreten sind. Trotzdem war ein unglaublicher Teamgeist vorhanden. Ich hoffe, dass wir zwanzig Jahre später ein ähnliches oder vielleicht noch besseres Erlebnis haben werden.“

Vom WM-Reiter zum väterlichen Begleiter

Nun führt ihn der Weg zurück nach Aachen. Seine Rolle hat sich verändert, seine Verbindung zu diesem Ort nicht. Diesmal wird Englbrecht nicht selbst in den Parcours einreiten. Er begleitet Felix Koller, einen Reiter dessen sportliche Entwicklung er über viele Jahre mitgeprägt hat.

Englbrecht lebte zehn Jahre mit dessen Mutter zusammen, brachte Felix das Reiten bei und blieb auch danach an seiner Seite. Für Koller ist er Trainer, Vertrauter und väterlicher Freund. Für Englbrecht ist Felix jener Mensch, den er vermutlich länger und genauer kennt als jeder andere im Sport.

„Ich glaube, dass ich Felix ziemlich gut lesen kann“, sagt Englbrecht. „Er hat sehr viele Stärken, aber natürlich auch Schwächen, die man manchmal nur subtil erkennt. In gewissen Situationen weiß man nicht sofort, welcher Schritt der richtige ist. Ich hoffe, dass ich dann im entscheidenden Moment das Richtige probiere, um ihn motiviert in den Parcours schicken zu können.“

Genau darin sieht Englbrecht seine Aufgabe in Aachen. Nicht jede Unsicherheit muss ausgesprochen werden. Nicht jede Antwort ist technisch. Manchmal geht es um einen Blick, einen Satz oder das Gespür dafür, wann Bestärkung wichtiger ist als eine weitere Korrektur.

Ein starker Kopf und viel Ruhe am Sprung

Dass Felix Koller besonderes Talent mitbrachte, erkannte sein Ausbilder früh. „Felix hatte von Beginn an einen unheimlich starken Kopf“, erzählt Englbrecht. „Aber dieses Talent am Sprung war schon sehr früh sichtbar. Er hatte eine besondere Ruhe und wusste, wie man ein Pferd positiv motiviert. Wohin der Weg tatsächlich führt, kann man bei einem jungen Reiter nie sicher sagen. Aber dass da etwas mehr vorhanden war als bei anderen, hat man gespürt.“

Diese Qualität führte Feix Koller später bis zu einer Medaille bei der U21-Europameisterschaft und in das österreichische Nationenpreisteam. Wie schwer es ist, sich an der internationalen Spitze zu halten, weiß Englbrecht: „Der Abstand zwischen gutem nationalen Sport und der internationalen Spitze ist größer geworden. Heute sind selbst viele Amateurreiter sehr professionell aufgestellt. Ausbildung, Fütterung, Physiotherapie – alles hat sich enorm entwickelt. Dadurch wird es immer schwieriger, ein Pferd mit großem Potenzial zu finden, das auch leistbar ist. Geplanter Erfolg ist richtig teuer geworden.“

Cossinelle: schwer zu lesen, aber auf sie ist Verlass

Mit Cossinelle bekam Felix Koller wieder eine Partnerin, die ihm die Tür zum Spitzensport öffnete. „Sie ist schwer zu lesen“, erklärt Roland Englbrecht und meint damit auch die unmittelbare Vorbereitung am Abreiteplatz. „Manchmal springt sie draußen gar nicht so gut, und drinnen kommt plötzlich dieses Kämpferherz. An anderen Tagen ist sie am Abreiteplatz überragend, im Parcours fühlt es sich dann aber anders an. Wir mussten sehr genau lernen, wie sie auf unterschiedliche Situationen reagiert. Felix hat vollkommen recht, wenn er Cossinelle als effizient bezeichnet. Sie ist ein schlaues Pferd, sehr verlässlich und macht keine unnötige Show. Wenn es darauf ankommt, springt sie.“

Bewegung als Prinzip

Die Geschichte von Englbrecht und Koller ist eng mit dem RC Schloss Kammer verbunden. Der Reitstall am Attersee ist Ausbildungsstätte, Treffpunkt und sportlicher Lebensraum. Junge Reiter:innen trainieren neben Routiniers, beobachten einander und treiben sich gegenseitig an.
„Bei uns ist ständig Bewegung drinnen – bei den Pferden und bei den Reitern“, beschreibt Englbrecht die Philosophie. „Auf unserem Springplatz herrscht von morgens bis abends eine hohe Frequenz. Viele Menschen treffen sich, tauschen sich aus und manchmal finden dadurch auch genau die richtigen Reiter-Pferd-Kombinationen zusammen.“

Das Training soll fordern, ohne zu überfordern. Englbrecht spricht von kleinen, bewusst gesetzten Stresstests. Von Aufgaben, an denen Reiter:innen wachsen können. Von Schweiß, Fleiß und dem Mut, die eigenen Grenzen zu verschieben. Ein Grundsatz steht dabei über allem: „Es muss immer Freude machen. Je mehr Spaß, desto besser.“

Diesen Gedanken möchte er auch stärker in der Nachwuchsförderung verankert sehen. Gemeinsame Trainingslager und längerfristige Lehrgänge könnten talentierte Jugendliche zusammenbringen. Nicht nur der Unterricht sei entscheidend, sondern auch das Lernen voneinander.

„Wenn motivierte junge Menschen längere Zeit gemeinsam trainieren, pushen sie sich gegenseitig. Dabei sieht man oft auch besser, wer wirklich Talent und das nötige Gefühl für Pferde besitzt. Auf einem Turnier allein ist das nicht immer zu erkennen. In der täglichen Arbeit zeigt es sich meist sehr schnell.“

Eine Erfahrung für das ganze Leben

In Aachen schließt sich für Roland Englbrecht nun ein Kreis. Vor zwanzig Jahren ritt er selbst in dieses Stadion ein. Nun steht er an der Seite eines Menschen, dem er einst die ersten Schritte im Sattel zeigte. Was am Ende auf der Anzeigetafel steht, wird wichtig sein. Aber es wird nicht alles sein.
„Aachen ist für die meisten Reiter von Kindheit an ein Traum. Wenn man dort gut reitet und ordentlich mit seinem Pferd umgeht, spüren und würdigen das die Menschen auf den Tribünen“, sagt Englbrecht. „Diese Erfahrung kann einem niemand mehr nehmen. Bei mir wird zwanzig Jahre später noch darüber gesprochen. Menschen erzählen mir, dass sie damals vor dem Fernseher gesessen sind und sich an meine Runde erinnern. So ein Erlebnis kann ein ganzes Leben prägen.“

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