Erwin Gillinger erfüllt sich seinen Traum von Aachen

Bis 2021 fuhr Erwin Gillinger Zweispänner. Dann setzte sich der oberösterreichische Unternehmer ein klares Ziel: Noch vor seinem 60. Geburtstag wollte er mit einem Vierspänner in Aachen antreten. Jetzt ist er 58, erstmals bei einer Weltmeisterschaft dabei und nennt seine Nominierung eine „Punktlandung“.


Die Hecke wird den Blick auf das Dressurstadion zunächst versperren. Dann öffnet sich vor Erwin Gillinger innerhalb weniger Sekunden die ganze Dimension von Aachen. Sein Vierspänner fährt geradewegs auf eine riesige Leinwand zu. Dahinter liegt das Springstadion, links und rechts erheben sich die Tribünen. Geräusche, Bewegungen, Menschen – mehr Atmosphäre, als seine Pferde von gewöhnlichen Turnieren gewohnt sind.

Gillinger weiß schon jetzt, worauf er sich in diesem Moment konzentrieren wird. Nicht auf die Weltmeisterschaft. Nicht auf die Tribünen. Und auch nicht darauf, dass er gerade ein Ziel erreicht, das er sich vor fünf Jahren gesetzt hat.

„Ich werde vor allem meine Hände spüren und schauen, wie viel Gewicht ich darin habe“, sagt er. „Ich werde mich auf die ersten Tritte ins Stadion konzentrieren und darauf, was meine beiden Vorderpferde machen.“

Mit 54 begann das Projekt Aachen

Bis 2021 war Gillinger im Zweispänner unterwegs. Dann wechselte er im Alter von 54 Jahren in die Königsdisziplin des Fahrsports. Der Umstieg war mit einem konkreten Plan verbunden.

„Mein Ziel war: Bevor ich 60 bin, möchte ich einmal in Aachen fahren. Jetzt bin ich 58 und es ist so weit. Punktlandung, würde ich sagen.“

Nun gehört der Mühlviertler zum österreichischen Aufgebot für die Vierspänner-Weltmeisterschaft. Gemeinsam mit Alexander Bösch, Wolfgang Binder und Daniel Schneiders vertritt er Rot-Weiß-Rot. Erstmals seit 2016 kann Österreich bei einer WM wieder eine vollständige Mannschaft stellen.

Gillinger spricht offen darüber, dass er nicht mit denselben Voraussetzungen antritt wie Fahrer, die seit ihrer Kindheit Vierspänner lenken. Eine Spitzenplatzierung erklärt er deshalb nicht zum Ziel. Für ihn geht es um etwas anderes.

„Ich möchte das abrufen, was ich kann, und sauber sowie fehlerfrei durchfahren. Ganz vorne kann ich nicht mitfahren. Wenn man erst mit 54 Jahren beginnt, ist das nicht möglich. Wichtig ist mir, pferdeschonend, sauber und fehlerfrei durchzukommen.“

Seine realistische Einschätzung schmälert die Ambition nicht. Im Gegenteil: Gillinger misst den Erfolg an der Qualität seiner eigenen Leistung und am Wohlergehen seiner Pferde.

Fünf Pferde, fünf starke Persönlichkeiten

Eros 175, Fernandez, Harry 13, Maestro W und Magistraal bilden Gillinger Gespann für Aachen. Einen unumstrittenen Chef gebe es unter ihnen nicht. Jedes Pferd habe einen ausgeprägten Charakter und sehr genaue Vorstellungen davon, an welcher Position und neben welchem Partner es sich wohlfühlt.
Diese Ordnung zu finden, war eine der wichtigsten Aufgaben der vergangenen Monate. Gillinger stellte seine ursprünglichen Pläne immer wieder um. Er probierte die Pferde vorne und hinten, links und rechts. Dabei ging es nicht allein um individuelle Fähigkeiten, sondern um Beziehungen innerhalb des Gespanns.

„Ich habe durch viel Probieren die Lieblingsposition jedes Pferdes herausgefunden. Entscheidend ist nicht nur, ob eines vorne oder hinten, links oder rechts geht. Wichtig ist auch, wen es am liebsten neben oder vor sich hat. Ich habe fünf sehr individuelle Pferde mit starken Persönlichkeiten. Darauf muss man Rücksicht nehmen.“

Eines seiner bewegungsstärksten Pferde hätte Gillinger gerne links vorne eingesetzt. Doch dort entwickelte es so viel Vorwärtsdrang, dass der Partner an seiner Seite unter Druck geriet. Also wechselte das Pferd nach hinten.

Bei der Staatsmeisterschaft griff die neue Ordnung erstmals vollständig. Gillinger wurde Vizestaatsmeister, doch der Rang bedeutete ihm weniger als das Gefühl auf dem Kutschbock.

„Die Platzierung ist bei einem kleinen Starterfeld nicht die große Geschichte. Entscheidend war die Leistung. Ich hatte alle Pferde umgestellt und jedes an einer anderen Position eingesetzt. Das hat in der Dressur, im Marathon und im Kegelfahren funktioniert. Zum ersten Mal hatte ich einen wirklich harmonischen Viererzug vor mir.“

Fehler in der Dressur nahm der Fahrer ganz auf seinen Zylinder. „Die Pferde waren richtig gut, ich leider nicht ganz. Ich wollte ein bisschen zu viel“, sagt Gillinger. Die Erkenntnis blieb dennoch: Die Zusammensetzung funktioniert – und damit auch die Grundlage für Aachen.

Auf die Kulisse kann man sich nur bedingt vorbereiten

Der Respekt vor der WM-Bühne ist groß. Besonders die Reaktion der Vorderpferde beim Einfahren in das Dressurstadion beschäftigt Gillinger. Eine Familiarisation im Viereck ist nicht vorgesehen. Die Gespanne dürfen die Wettkampffläche vor ihrem Start nicht kennenlernen.
Gillinger versucht deshalb, seine Pferde beim Warmfahren und in den Trainingseinheiten möglichst nahe an jene Bereiche heranzuführen, in denen Bewegung und Unruhe herrschen.

„Wir fahren so nahe wie möglich an das Publikum und an die Zelte, überall dorthin, wo etwas los ist. So können die Pferde die Stimmung ein bisschen aufnehmen. Richtig trainieren lässt sich das aber nicht. Ins Stadion dürfen wir vorher nicht.“

Am Ende wird er darauf vertrauen müssen, dass die Verbindung über die Leinen hält. Vier Pferde, zwei Hände und die Fähigkeit, innerhalb von Sekunden zu spüren, was vorne passiert.

Klare Führung, starkes Team

Dieses Zusammenspiel kennt Gillinger auch aus seinem beruflichen Leben. Nach der HTL für Tiefbau in Linz arbeitete er zwölf Jahre als Techniker und Bauleiter. 1999 gründete er BT Bau. Heute führt er das Unternehmen mit Sitz in Tragwein. Auf der Firmenwebsite wird er als „friedvoller Krieger“ mit klarem Kopf und starkem Fundament beschrieben.

Zwischen Baustelle und Kutschbock sieht Gillinger klare Parallelen.

„Es geht um Führung und Teamfähigkeit. Man muss konsequent sein und trotzdem anständig mit den Menschen umgehen – mit den Mitarbeiter:innen genauso wie mit meinem sportlichen Team. Die Richtung gibt am Ende einer vor. Gleichzeitig funktioniert es nur gemeinsam.“

Auch wirtschaftlich sind Unternehmen und Sport eng verbunden. Ein Vierspänner verlangt mehrere Pferde, Kutschen, Transporte, Betreuung und eine aufwendige Infrastruktur. Ohne sein Unternehmen, sagt Gillinger, könnte er sich diesen Sport nicht leisten. Umgekehrt gebe ihm der Fahrsport jene Ausgeglichenheit, die er für seine berufliche Verantwortung brauche.

Dafür verwendet er ein ebenso direktes wie persönliches Bild: „Ich sage immer, meine Pferde sind meine Psychiater. Andere, die viel arbeiten und so viel um die Ohren haben wie ich, gehen vielleicht zum Therapeuten oder machen Yoga. Ich sitze auf der Kutsche und habe einen, zwei oder vier Therapeuten vor mir.“

Wenn Gillinger bei seinen Pferden ist, muss er im Augenblick bleiben. Er beobachtet Bewegungen, Druck und Stimmung. Berufliche Themen treten für diese Zeit in den Hintergrund.

Aus Einzelkämpfern ist eine Mannschaft geworden

Positiv beurteilt Gillinger auch die Entwicklung des österreichischen Fahrsports. In den vergangenen Jahren sei aus mehreren Einzelkämpfern zunehmend ein Team geworden. Unterstützung komme sowohl von den Fahrern untereinander als auch vom Verband.

„Natürlich kämpft jeder für sich. Trotzdem hilft jeder dem anderen. Daniel Schneiders ist aufgrund seiner großen internationalen Erfolge eine Leitfigur. Er bietet immer seine Unterstützung an. Besonders beim gemeinsamen Besichtigen der Marathonhindernisse wird das wichtig.“

Mit Schneiders, Bösch und Binder sieht Gillinger Österreich gut aufgestellt. Ebenso hebt er die Zusammenarbeit mit Bundesreferent Charly Wutte hervor. Die Sportler erhielten die organisatorische Unterstützung, die sie für ihre Aufgaben benötigten. Das stärke die Mannschaft.

Was von dieser Woche bleiben soll, formuliert Erwin Gillinger ohne Pathos und in einem einzigen Satz: „Ganz einfach: Es hat Spaß gemacht.“

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