„Aufgeben tut man nur einen Brief“

Thomas Haller steht vor seiner vierten Weltmeisterschaft. In Aachen startet der sechsfache Paralympics-Teilnehmer erstmals mit Haller’s Hermine. Im Interview spricht der oberösterreichische Para-Dressur-Pionier über das Risiko einer noch jungen Partnerschaft, die Entwicklung seines Sports und einen 19. August, der für ihn gleich doppelt Geschichte schreibt.


Thomas Haller gehört seit fast drei Jahrzehnten zu den prägenden Persönlichkeiten der österreichischen Para-Dressur. Seit 1998 hat er sechs Paralympische Spiele und zahlreiche internationale Championate bestritten. Bei den FEI World Championships in Aachen folgt nun seine vierte WM-Teilnahme.

Der Routinier tritt im Grade III mit Haller’s Hermine an. Die beiden sind erst seit Oktober 2025 ein Paar und absolvierten im Juni 2026 in Stadl-Paura ihr erstes gemeinsames internationales Turnier. Entsprechend realistisch formuliert Haller seine Ziele: Nicht die Punkte allein, sondern die bestmögliche gemeinsame Leistung sollen entscheiden.

„In Aachen zu reiten, ist wohl für alle im Pferdesport ein großes Ziel“

Thomas, die Weltmeisterschaft in Aachen ist Ihre vierte WM. Mit welchen Erwartungen reisen Sie dorthin?
Thomas Haller: Da ich Haller’s Hermine erst seit Oktober 2025 bei mir habe und wir im Juni 2026 in Stadl-Paura unser erstes gemeinsames internationales Turnier absolviert haben, freuen wir uns zunächst einmal, überhaupt dabei zu sein. Wir wollen vor dieser besonderen Kulisse die bestmögliche Leistung zeigen.

Aachen gilt im Pferdesport als das, was Wimbledon im Tennis ist. Was bedeutet es Ihnen, dort eine Weltmeisterschaft reiten zu dürfen?
Haller: In Aachen zu reiten, ist wohl für alle im Pferdesport ein großes Ziel. Dass dieser Traum für mich jetzt wahr wird, ist eine sehr große Ehre.

Sorgt eine solche Bühne für zusätzliche Anspannung?
Haller: Das kann ich wohl erst wirklich beantworten, wenn ich hoffentlich gut und zufrieden wieder zurück bin. Natürlich kenne ich durch meine vielen Championate die Abläufe und bin schon oft in großen Stadien geritten. Trotzdem wird Aachen etwas Besonderes. Gerade weil Hermine und ich noch nicht lange zusammen sind, bleibt es spannend.

„Wir haben einen besonderen Draht zueinander“

Was zeichnet Haller’s Hermine aus?
Haller: Sie ist eine besonders liebe Stute, die immer alles richtig machen möchte. Vor allem im Trab lässt sie mich sehr gut sitzen. Sie hat einen guten Schritt und ist grundsätzlich sehr nervenstark.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass sie das Potenzial für eine Weltmeisterschaft besitzt?
Haller: Ganz ehrlich: Es ist ein gewisses Risiko, mit einem noch championatsunerfahrenen Pferd nach nur acht Monaten zu einer Weltmeisterschaft zu fahren. Sie hat sich bei den Turnieren in Stadl-Paura und Ornago aber so nervenstark präsentiert, dass ich es einfach versuchen muss.

Wie würden Sie Ihre Partnerschaft beschreiben?
Haller: Wir haben einen besonderen Draht zueinander. Sie fordert mich schon, aber sie ist unheimlich lieb – und dazu noch sehr hübsch, wie ich finde.

Worauf wird es in Aachen besonders ankommen?

Haller: Entscheidend wird sein, wie gut sie den ganzen Trubel und alles rundherum wegsteckt. Ebenso wichtig ist, wie gut ich ihr Sicherheit geben kann. Dafür müssen natürlich auch meine Nerven halten.

Leistung vor Punkten

Welche Schwerpunkte gab es in der Vorbereitung?
Haller: Im Mittelpunkt stand, dass wir optimal zusammenfinden. Ich entdecke immer noch neue Dinge, die Hermine braucht. Meine Aufgabe ist es, diese Bedürfnisse zu erkennen und bestmöglich umzusetzen. Unsere Partnerschaft entwickelt sich mit jeder Trainingseinheit und jedem Turnier weiter.

Welche sportlichen Ziele haben Sie sich gesetzt?
Haller: Unser Ziel ist, dass wir nach jedem Bewerb sagen können: Wir haben gemeinsam das Bestmögliche getan – ganz unabhängig von den Punkten.

Was können Sie aus sechs Paralympics und zahlreichen weiteren Championaten mitnehmen?

Haller: Im Pferdesport ist jedes Championat eine neue Herausforderung, weil man nie genau weiß, wie der Sportpartner Pferd reagieren wird. Natürlich hilft mir meine Erfahrung. Ich kenne die Abläufe und muss in der ganzen Aufregung nicht mehr alles neu erfragen. Eine gewisse Routine gibt Sicherheit. Trotzdem beginnt man mit einem neuen Pferd in gewisser Weise wieder von vorne.

„Das Gute ist, dass wir nichts zu verlieren haben“

Gemeinsam mit Julia Mitterhuemer, Pepo Puch und Julia Sciancalepore vertreten Sie Österreich. Was zeichnet dieses Team aus?
Haller: Wir sind drei Routiniers und haben mit Julia Mitterhuemer eine sehr talentierte neue Reiterin dabei, der wir hoffentlich mit unserer Erfahrung helfen können. Wir verstehen uns alle gut, haben gemeinsam Spaß und unterstützen einander. Dieser Teamgeist kann uns helfen, gute Leistungen zu bringen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des österreichischen Para-Dressur-Teams ein?
Haller: Seit 1998 hat sich enorm viel getan. Wir haben aktuell sicher nicht dasselbe eingespielte Team wie beispielsweise vor Paris. Dafür gibt es viele neue und spannende Konstellationen: Pepo startet mit einem neuen Pferd in einem neuen Grade, Julia Mitterhuemer ist erstmals bei einem solchen Championat dabei, und auch ich reite ein neues Pferd. Es wird interessant zu sehen, was wir als Mannschaft zusammenbringen. Das Gute ist, dass wir nichts zu verlieren haben.

Vom Leihpferd zum internationalen Spitzensport

Sie gehören zu den Pionieren der österreichischen Para-Dressur. Wie sehr hat sich der Sport seit Ihren Anfängen verändert?
Haller: Der Unterschied zwischen 1998 und heute ist für mich tausend zu eins. Etwas schade finde ich, dass es inzwischen auch in unserem Sport sehr stark ums Geld geht. Bei den Paralympics 2000 in Sydney sind wir noch auf Leihpferden geritten. Damals hat gezählt, wie gut man sich innerhalb einer Woche auf das zugeloste Pferd einstellen konnte. Dadurch konnten auch Sportler:innen mit sehr geringen finanziellen Möglichkeiten vorne mitreiten. Das wäre heute undenkbar. Aber so ist der Lauf der Zeit.

Worauf sind Sie beim Rückblick auf Ihre lange Karriere besonders stolz?
Haller: Darauf, so lange auf diesem Niveau mitreiten zu können und dadurch auch viel zur Inklusion in Österreich beitragen zu dürfen.

Was motiviert Sie nach all diesen Jahren noch?
Haller: Einerseits hätte ich natürlich gerne noch eine Medaille bei einem Championat. Andererseits möchte ich Menschen Mut machen, niemals aufzugeben. Es motiviert mich, über den Sport etwas für die Inklusion in unserer Gesellschaft beitragen zu können.

Zwei Lebenswege, die sich am 19. August verbinden

Sie sind nicht nur Spitzensportler, sondern auch Unternehmer. Gibt es Verbindungen zwischen diesen beiden Bereichen?
Haller: Auf jeden Fall. Ganz ehrlich: Oft fallen mir beim Abgehen nach dem Training die besten Ideen für meinen Fahrtendienst hallermobil ein.

Ihr erster WM-Bewerb findet am 19. August statt. Dieses Datum hat für Sie eine besondere Bedeutung.
Haller: Genau an diesem Tag ist es 40 Jahre her, dass ich in mein erstes eigenes Fahrzeug gestiegen bin. Am 19. August 1986 hatte der Fahrtendienst hallermobil seine Geburtsstunde. Heute zählt hallermobil zu den führenden Fahrtendiensten und ermöglicht mit rund 3.000 Fahrten täglich Menschen mit Behinderungen Mobilität und damit auch Inklusion. Es wird für mich ein ganz besonderer Moment, wenn ich genau 40 Jahre später erstmals in das Stadion von Aachen einreiten darf.

Was wäre für Sie – unabhängig von Punkten und Platzierungen – ein gelungenes Ende dieser Weltmeisterschaft?
Haller: Wenn wir zufrieden mit dem sein können, was wir erleben durften und erreicht haben. Im besten Fall gelingt es uns als Team, auch einen Schritt in Richtung Los Angeles zu machen.

Welche Botschaft möchten Sie den Pferdesportfans mitgeben, die Ihnen und dem Team die Daumen drücken?

Haller: Pferde sind jene Tiere, die einem besonders viel Energie geben können, wenn man sie lässt. Das Tierwohl steht dabei immer an erster Stelle, auch wenn Entscheidungen manchmal schwerfallen. Und grundsätzlich gilt für mich: Aufgeben tut man nur einen Brief.

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