Der große Graben in Aachen, der alles ausgelöst hat
2006 stand Lea Siegl als Kind an der Geländestrecke von Aachen und konnte kaum glauben, dass Pferde über diese mächtigen Hindernisse springen. Damals fasste sie den Entschluss, eines Tages selbst dort zu reiten. Zwanzig Jahre später bricht die Oberösterreicherin mit Watermill Giorgio RS zu ihrer zweiten Weltmeisterschaft auf.
Die letzten Trainingseinheiten sind absolviert, die Ausrüstung ist fast vollständig verstaut. Am Sonntag hat für Lea Siegl und Watermill Giorgio RS die Reise von ihrem Stall auf der französischen Seite nahe Genf nach Aachen begonnen. Der Weg führt zunächst über Zürich, danach geht es über Nacht weiter zum WM-Ort. Am Montag trifft die Oberösterreicherin dort auf das österreichische Vielseitigkeitsteam.
Die Tage vor der Abfahrt hat Siegl bewusst ruhig gestaltet. Nach Wochen mit Dressur-, Spring-, Kraft- und Konditionstraining standen zuletzt lockere Arbeit auf der Wiese und entspannte Ausritte auf dem Programm. „In der letzten Woche fahre ich gerne noch einmal ein bisschen herunter. Jetzt geht es nur noch darum, dass das Pferd happy ist, sich entspannen und Kräfte sammeln kann.“
Auch Siegl selbst versucht, nach intensiven Monaten zur Ruhe zu kommen. Der Umzug nach in den Stall in der Nähe von Genf, die Arbeit mit mehreren Pferden und die WM-Vorbereitung verlangten viel Energie. „Ich habe geschaut, dass ich wieder mehr schlafe und etwas weniger reite. Jetzt habe ich dieses Gefühl: Ich bin bereit, ich will reiten und arbeiten.“
„Papa, da möchte ich auch einmal reiten“
Aachen ist für Siegl weit mehr als eine weitere Station im internationalen Turnierkalender. Bei den Weltreiterspielen 2006 war sie als siebenjähriges Kind mit ihrem Vater Harald Siegl vor Ort. Der Olympiateilnehmer gehörte damals selbst zum österreichischen Vielseitigkeitsteam.
Eine Szene hat sich seiner Tochter besonders eingeprägt. Im Gelände stand sie vor einem gewaltigen Graben mit einer Hecke dahinter. Dass ein Pferd diese Aufgabe bewältigen könnte, erschien ihr beinahe unvorstellbar.
„Ich kann mich noch genau erinnern. Dieser Graben war für mich so beeindruckend, dass ich nicht gewusst habe, wie man da überhaupt drüberspringen soll. An diesem Samstag habe ich dann zu meinem Papa gesagt: Ich möchte da auch einmal reiten. Das war einer der ersten Momente, in denen ich wirklich beschlossen habe, Vielseitigkeitsreiterin zu werden.“
Zwanzig Jahre später kehrt die zweifache Olympiateilnehmerin als WM-Reiterin zurück. Ihr Vater reist am Dienstag nach Aachen und wird sie während des Championats unterstützen. Die Rollen haben sich verändert: Diesmal sitzt die Tochter im Sattel.
„Dass die Weltmeisterschaft genau 20 Jahre später wieder in Aachen stattfindet, ist schon cool. Damals habe ich dort diesen Anstoß bekommen – und jetzt darf ich selbst reiten. Dazu kommen alle Sparten gemeinsam. Das macht diese Weltmeisterschaft noch einmal ganz besonders.“
Ein cleverer Partner mit verstecktem Talent
Ursprünglich war Van Helsing P als Siegls WM-Partner vorgesehen. Mit ihm belegte sie bei der Europameisterschaft 2025 in Blenheim den fünften Platz – das beste österreichische Einzelergebnis bei einem Senior:innen-Championat. In der abschließenden Vorbereitung zog sich der 16-Jährige jedoch eine kleinere Verletzung zu.
Dem Pferd geht es inzwischen wieder gut. Siegl entschied sich dennoch gegen einen Start in Aachen. Van Helsing P soll vollständig genesen und mit Blick auf die kommenden Aufgaben behutsam aufgebaut werden. Im Idealfall bleibt er auch eine Option auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles.
Damit rückt Watermill Giorgio RS, im Stall „George“ genannt, ins WM-Team. Seit 2024 bestreitet Siegl mit ihm Vier-Sterne-Prüfungen. Zuletzt sammelte das Duo unter anderem beim Nationenpreis in Marbach weitere Erfahrung.
„George ist ein sehr gutes Geländepferd und ein sehr guter Springer. Er gibt mir im Gelände ein irrsinnig gutes Gefühl. Er ist clever, flink, hat immer den Überblick und denkt mit. Das ist sicher seine größte Stärke.“
Der 15-Jährige hat allerdings auch seine Eigenheiten. Manchmal erschrickt er vor Dingen, die andere Pferde kaum beachten würden. Ein vorbeifliegender Vogel kann reichen, um ihn aus der Konzentration zu bringen. „Grundsätzlich ist er ein ganz braves und liebes Pferd. Man muss aber ein bisschen auf ihn eingehen und einen Kompromiss finden. Man kann sich nicht einfach draufsetzen und sagen: Du musst jetzt so gehen.“
Gerade in der Dressur brauchte George Zeit, um Selbstvertrauen zu entwickeln und sein Bewegungsvermögen zu zeigen. Siegl arbeitet weniger an einzelnen Lektionen als an den Grundlagen: bessere Grundgangarten, mehr Lastaufnahme auf der Hinterhand, Selbsthaltung und Tragkraft.
Vieles davon trainiert sie im Freien. Reitplatz und Halle stehen nicht täglich auf dem Programm. Stattdessen nutzt sie Wiesen, Ausritte und das hügelige Gelände rund um ihren neuen Lebensmittelpunkt nahe Genf.
„Bergauf und bergab zu reiten, gibt ihm Kraft und gymnastiziert ihn. Seit er viel ins Gelände und auf unterschiedliche Wege kommt, ist er deutlich ruhiger geworden – auch auf Turnieren. Früher war jede Kleinigkeit eine Katastrophe. Heute kann er mit neuen Situationen viel besser umgehen.“
Siegl lebt und arbeitet dort gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Felix Vogg. Der Schweizer Fünf-Sterne-Sieger gehört seit Jahren zur Weltklasse der Vielseitigkeit. Beide betreuen mehrere Spitzen- und Nachwuchspferde, tauschen sich im Training aus und geben einander Feedback. Siegl hat sich dabei in ein neues System eingearbeitet, ohne ihre eigene Linie aufzugeben.
Wie weit es mit „George“ in Aachen nach vorne gehen kann, möchte Siegl nicht an einer Platzierung festmachen. Die Weltmeisterschaft stellt die technisch höchsten Anforderungen der Vielseitigkeit. Besonders die Geländestrecke dürfte großen Einfluss auf das Klassement haben. Auch die erlaubte Zeit könnte zum entscheidenden Faktor werden.
Siegl formuliert deshalb konkrete Leistungsziele: In der Dressur möchte sie unter 30 Minuspunkten bleiben. Im Gelände will sie so schnell wie möglich reiten, das Tempo aber davon abhängig machen, wie gut Rhythmus, Kraft und Abstimmung während der Prüfung funktionieren. Im abschließenden Springen soll die Nullrunde gelingen.
„Natürlich haben wir alles so gut wie möglich vorbereitet. Aber im Gelände merkt man erst während der Runde, wie gut man im Fluss ist und wie fit sich das Pferd wirklich anfühlt. Mit Van Helsing und DSP Fighting Line war ich noch länger eingespielt. Mit George muss ich sehen, was möglich ist. Wir werden auf jeden Fall angreifen – und dann schauen, wofür es reicht.“
Siegl reist als erfahrenste Einzelreiterin eines vollständigen österreichischen Viererteams nach Aachen. Gemeinsam mit ihr starten ihr oberösterreichischer Teamkollege Harald Ambros mit Vitorio du Montet sowie Katrin Khoddam-Hazrati mit Renegade 2 und Daniel Dunst mit Chevalier 97 aus der Steiermark. Das Trio Siegl, Ambros und Khoddam-Hazrati hatte Österreich bereits bei der EM in Blenheim auf den fünften Mannschaftsrang geführt.
Für Siegl schließt sich in Aachen dennoch vor allem ein persönlicher Kreis. 2006 stand sie staunend vor jenem Graben, der ihr viel zu groß erschien. Zwanzig Jahre später wird sie auf der anderen Seite der Absperrung stehen – mit einem cleveren Pferd, das gerne mitdenkt, und dem Vater als Unterstützung an ihrer Seite.
WM-Team, Zeitplan, TV-Übertragung
Österreichs WM-Team:
Harald Ambros (OÖ) – Vitorio du Montet
Daniel Dunst (ST) – Chevalier 97
Katrin Khoddam-Hazrati (ST) – Renegade 2
Lea Siegl (OÖ) – Watermill Giorgio RS
Equipechef: Thomas Tesch
WM-Zeitplan, Vielseitigkeit:
Do, 13. August, 09:30-17:00 Dressur Team- & Einzelwertung - Teil 1
Fr, 14. August, 09:30-17:00 Dressur Team- & Einzelwertung - Teil 2
Sa, 15. August, 09:15-15:55 Gelände Team- & Einzelwertung
So, 16. August, 13:00-17:20 Springen Team- und Einzelwertung (Medaillenentscheidung) Start- und Ergebnislisten auf lonignestiming.com
Geplante TV-Übertragung auf ORF
Sonntag, 16. August, 12.55 Uhr, ORF ON: Vielseitigkeit Team & Einzel (Kommentator Michael Roscher, Co-Kommentatorin Charlotte Dobretsberger, um 15.45 Uhr zeitversetzt live in OSP)
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