Felix Koller im WM-Gespräch: „Habe gewusst: Mit diesem Pferd kann es bis Aachen gehen“

2018 schrieb Felix Koller österreichische Pferdesportgeschichte. Als erster heimischer Springreiter gewann der Oberösterreicher eine EM-Medaille bei den Young Ridern (U21), wenig später gehörte der damals 21-Jährige bereits zum Nationenpreisteam der Allgemeinen Klasse. Es folgten ein Dopingfall, der sich als Fremdverschulden herausstellte, der Verlust seines Spitzenpferdes und Jahre voller Rückschläge. Jetzt ist der heute 29-Jährige zurück: Mit Cossinelle hat er den Sprung ins österreichische WM-Team für Aachen geschafft. Im Interview spricht der Reiter des RC Schloss Kammer über seinen langen Weg zurück, Familie, Vertrauen und einen Kindheitstraum.


„Genau das macht den Weg zurück so schwierig“

Felix, wenn wir zurückblicken: 2018 war dein bisher größtes Sportjahr. Hättest du damals gedacht, dass der Weg zurück an die Weltspitze einmal so schwierig werden würde?
Felix Koller: Nein, überhaupt nicht. Nach der Dopinggeschichte ist es zuerst einmal ziemlich bergab gegangen. Obwohl sich später herausgestellt hat, dass ich keine Schuld daran hatte und die Sperre sofort aufgehoben wurde, war mein bestes Pferd Captain Future weg. Und ohne ein Spitzenpferd ist es im Springsport unglaublich schwer, wieder ganz nach oben zu kommen.

Was waren die schwierigsten Jahre?
Koller: Eigentlich die Zeit danach. Man bildet zwar viele junge Pferde aus, aber bis ein Pferd wirklich internationale Topklasse erreicht, braucht es Zeit und sehr viel Geld. Oft müssen diese Pferde verkauft werden, bevor sie ganz oben angekommen sind. Genau das macht den Weg zurück so schwierig.

Trotzdem hast du nie aufgegeben.

Koller: Nein. Ich war nach meiner Zeit bei Paul Schockemöhle zunächst ein Jahr bei Jan Tops in den Niederlanden. Danach zweieinhalb Jahre bei Andreas Knippling in Deutschland. Dort konnte ich reiterlich sehr viel lernen und viele gute junge Pferde ausbilden.

Heute arbeitest du in einem Stall in Bonn.
Koller: Genau. Als meine Lebensgefährtin Anna-Lisa schwanger wurde, wollten wir unser Leben selbst gestalten. So haben wir den Schritt zurück in ihre Heimatstadt Bonn gewagt. Unterstützt von unserer Sponsorin Ingetraut Bolz ist das unsere neue Homebase mit unserem eineinhalbjährigen Sohn Lio geworden.

„Sie macht im Parcours kein großes Spektakel“

Dann kam Cossinelle in dein Leben. Wie ist es dazu gekommen?
Koller: Eigentlich durch Zufall. Ein ukrainischer Bereiter, den ich noch aus meiner Zeit bei Schockemöhle kannte, hat mich kontaktiert. Über ihn bin ich schließlich zu Cossinelle gekommen.

Wann hast du gespürt, dass dieses Pferd etwas Besonderes ist?

Koller: Nach einer Woche.

Wirklich?
Koller: Ja. Wir sind damals noch 1,30 Meter gesprungen und ich habe zu meiner Lebensgefährtin gesagt: „Jetzt geht's wieder los.“ Ich habe sogar gesagt: Aachen ist unser großes Ziel. Sie hat damals gelacht und gemeint, das könne ich doch noch gar nicht wissen. Aber ich hatte einfach dieses Gefühl.

Was macht Cossinelle so besonders?
Koller: Sie ist unglaublich intelligent. Man merkt sofort, dass sie mitdenkt. Sie macht im Parcours kein großes Spektakel, springt aber extrem effizient und weiß genau, worauf es ankommt. Genau das macht sie so stark.

Eure Ergebnisse geben dir recht.
Koller: Bis auf einen Grand Prix waren wir heuer in jedem großen Springen platziert. Egal ob Weltcup oder Vier-Sterne-Turnier. Das zeigt, wie konstant dieses Pferd ist.

Was war bisher euer größter gemeinsamer Erfolg?
Koller: Der zweite Platz im Nationenpreis von St. Gallen war sicher etwas ganz Besonderes. Und natürlich die Platzierung bei unserem Weltcup-Debüt in Göteborg. Das waren Momente, die ich nie vergessen werde.

„Schöner kann sich so ein Kreis eigentlich gar nicht schließen“

Jetzt geht es zur Weltmeisterschaft nach Aachen. Was bedeutet dir diese Nominierung?
Koller: Unheimlich viel. Aachen ist für jeden Springreiter ein Traum. Jeder kennt diesen Ort.

Dort steht auch wieder dein väterlicher Freund Roland Englbrecht an deiner Seite. Da schließt sich ein Kreis, oder?
Koller: Ja, das ist wirklich etwas Besonderes. Roland hat mir das Reiten beigebracht. Er ist für mich weit mehr als nur ein Trainer. Roland ist quasi mein Stiefvater, weil er mit meiner Mutter zehn Jahre zusammen war, und seit dieser Zeit sind wir unzertrennlich. Vor genau zwanzig Jahren war er selbst bei den Weltreiterspielen in Aachen am Start. Jetzt darf ich dort für Österreich reiten und Roland begleitet mich wieder als Trainer. Schöner kann sich so ein Kreis eigentlich gar nicht schließen.

Wie siehst du das österreichische Team?
Koller: Sehr positiv. Wir haben in den letzten Jahren eine tolle Entwicklung gemacht. Katharina Rhomberg scheint im Moment unschlagbar, strahlt mentale Stärke aus, Max Kühner bringt sowieso enorme Erfahrung mit und insgesamt wächst das Team immer mehr zusammen. Ich freue mich riesig, wieder Teil dieser Mannschaft zu sein.

Wie bereitest du dich jetzt auf Aachen vor?
Koller: Ganz bewusst ruhig. Cossinelle ist fit, wir hatten zuletzt noch ein kleines Vorbereitungsturnier in den Niederlanden und machen jetzt noch ein Wiesentraining bei Olympiasieger und Ex-Weltmeister Jos Lansink in Belgien. Jetzt geht es vor allem darum, dass sie gesund bleibt und ihre Freude am Springen behält.

Was wäre für dich eine erfolgreiche Weltmeisterschaft?
Koller: Wenn wir das zeigen können, was wir in den vergangenen Monaten aufgebaut haben. Ich weiß, wie lang der Weg bis hierher war. Deshalb genieße ich jetzt jeden Moment.